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Soziale Tiere

veröffentlicht am 2. Juni 2020

Dr. Tabea Scheel, Abteilungsleiterin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität Flensburg darüber, wie Corona unser Verhalten beeinflusst.

Wirken sich längere Phasen der Isolation und Einschränkungen nachhaltig auf unsere Psyche und somit auch unsere Gesundheit aus? Wenn ja, wie?

Dr. Tabea Scheel
Das hängt natürlich von der Dauer und der Aussicht ab, aber grundsätzlich ist sozialer Kontakt ein Grundbedürfnis, denn wir definieren uns durch unsere Verbundenheit zu anderen Menschen. Fehlen Ansprache und Rückmeldung, die uns aktivieren, werden wir lethargisch und gewisse, schon vorhandene Grundmuster, wie Antriebslosigkeit und Depressionen, können sich dadurch bis hin zu Suizidgedanken verstärken – insbesondere bei Personen, die ohnehin sozial nicht gut eingebunden sind. Was hilft, mit der Situation umzugehen, ist das Verstehen, dass der Grund außerhalb von uns selbst liegt, gemeinsam mit dem Beschluss, aktiv zum Schutz der Gemeinschaft beizutragen.

Wie erklärt sich das Bedürfnis vieler Menschen, Verstöße anderer, z. B. den Aufenthalt in derZweitwohnung, zu melden? Ist das Denunziantentum in Corona-Zeiten etwa wieder salonfähig?

Dr. Tabea Scheel
Die Ursache ist oft ein Gerechtigkeitsgefühl, aus dem eine Überreaktion erwächst: Wenn ich mich einschränken muss, müssen das andere auch. Wenn ich also die Ordnung wiederherstelle,
fällt es mir selbst leichter, die Situation auszuhalten. Ein anderer Grund kann ein persönliches Gefährdungsgefühl sein, etwa, weil ich zur Risikogruppe zähle. Denunzieren ist also kein neuer Volkssport, sondern tritt dort auf, wo die Neigung bereits vorhanden ist, befördert durch die aktuelle Lage und deren mediale Präsenz.

Werden durch Corona soziale Rituale wie das Händeschütteln, Umarmungen zur Begrüßung oder das Zuprosten aussterben?

Dr. Tabea Scheel
Bei Angehörigen werden diese Rituale ja ohnehin weiter praktiziert. Öffentlich wird es weniger werden, aber nur übergangsweise, bis es Schritt für Schritt zurückkehrt, sobald die Gefährdung vorüber ist – es sei denn, diese bleibt uns über Jahre erhalten.

Waren Videochats & Co. nur ein Mittel zum Zweck oder sehen Sie darin den Trend zu einer weiteren Virtualisierung zwischenmenschlicher Kontakte?

Dr. Tabea Scheel
Es hat einen großen, positiven Effekt für die Digitalisierung gegeben, da viele gezwungen waren, ihre Komfortzone zu verlassen und sich auszuprobieren. Selbst in den Schulen ist das Thema inzwischen angekommen. Doch natürlich ist bei allem Fortschritt auch die Virtualisierung begrenzt. Wer Vertrauen und Zusammenhalt in einem Team schaffen will, muss zukünftig weiterhin dafür sorgen, dass sich seine Mitglieder begegnen. Persönliche Treffen werden, gerade auf informeller Ebene, unersetzbar bleiben.

Wenn die Gefahr durch Corona vorbei ist: Wird sich Geselligkeit, wie auf Veranstaltungen, wieder normal anfühlen oder erwarten Sie, dass Social Distancing als Motto bleibt?

Dr. Tabea Scheel
Was ein angenehmer Abstand ist, ist kulturell bei uns verankert, das lässt sich nicht durch Verhaltensregeln abschütteln, zumindest nicht auf Dauer. Menschen verhalten sich so, wie sie es beobachten. Die Normen werden sich also durch Begegnungen wieder zurückschrauben – genauso wie es aktuell leichter fällt, einen Mundschutz zu tragen, weil es viele andere machen.