BörsenBlick

Veröffentlicht am 24. März 2020

Im Interview erklärt Deka-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater warum die Krise schneller vorüber sein wird als die Finanzmarktkrise, wie sich Anleger nun verhalten sollten und warum aus seiner Sicht wahrscheinlich der größte Teil des Kurssturzes hinter uns liegt.

 

Die Corona-Krise ist eine weltweite Krise. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein?

Kater: In einer nie dagewesenen Geschwindigkeit haben sich durch die Corona-Pandemie die konjunkturellen Aussichten für die gesamte Weltwirtschaft gedreht. Der zeitversetzte weitgehende Shutdown in Asien, Europa und Amerika führt zu einer weltweiten Rezession, deren Ausmaß am ehesten mit der Lehman-Rezession vor gut zehn Jahren vergleichbar ist. 

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es jedoch auch gravierende Unterschiede. Sofern die Pandemie in Europa und in den USA in ähnlicher Geschwindigkeit wie in China bekämpft werden kann und keine großen Reinfektionswellen auftreten, besteht die Hoffnung, dass die Rezession deutlich schneller wieder vorbei ist als nach der Finanzkrise.

Das Gros der konjunkturellen Bremseffekte erwarten wir für April. Danach bauen sich die Belastungen bis zum Quartalsende allmählich ab. Echte neue konjunkturelle Schubkraft wird erst im dritten Quartal wieder schrittweise entfaltet.

 

Wie sieht es Ihrer Ansicht mittelfristig aus?
Kater: Wer auf einen positiven Rückprall hofft, der den Einbruch schnell wieder kompensiert, könnte enttäuscht werden – aus zwei Gründen: Erstens treten in den USA die negativen Folgen der Corona-Pandemie mit etwas Verzögerung auf und wirken dann in der ersten Phase der Erholung in Europa noch bremsend. Zweitens sind in dieser Krise nicht nur die Industrie, sondern auch in einem ungewöhnlich hohen Maße die Dienstleistungsbranchen betroffen, wo nicht jeder Nachfrageausfall schnell nachgeholt werden wird.

Das Gros der Nachholeffekte erwarten wir für den Spätsommer und den Herbst. Damit kommt es zu einem sehr hohen statistischen Überhang für das kommende Jahr, der rund die Hälfte des kräftigen Anstiegs des Eurozonen-Bruttoinlandsprodukts (Prognose 2021: 2,5 %) ausmachen wird. Für das laufende Jahr erwarten wir dagegen eine Schrumpfung um minus 1,7 %.

 

Ist das Tal an den Aktienbörsen bereits durchschritten oder wird es noch weiter an unten gehen?

Kater: Die Reaktionen an den Wertpapiermärkten waren Mitte März nicht anders als mit Panik zu beschreiben. Aktienmärkte verzeichneten Einbrüche bis zu 30 Prozent. Die im DAX-Index notierten Unternehmen weisen derzeit einen Buchwert von rund 8.700 Punkten aus. Kurse unterhalb der Buchwerte deuten die Erwartung einer tiefen, lange anhaltenden Rezession an. Damit ist klar, dass der weitaus größte Teil des Kurssturzes bereits hinter uns liegt und Kurse unterhalb der Buchwerte extreme Risikoaversion anzeigen, die in der Regel nur von kurzer Dauer ist. Allerdings sollte nicht mit einer schnellen Kurserholung gerechnet werden. Es ist Geduld gefragt, denn jetzt dürfte zunächst eine hoch volatile Phase der Richtungssuche vor uns liegen.

Können Sie schon absehen, wann die Kurse wieder steigen werden?

Kater: Nach unserer Auffassung ist kurzfristig der wichtigste Marktindikator die Kurve der Neuinfektionen. Sobald die Marktteilnehmer realisieren, dass der Hochpunkt der Ansteckungen auch in Europa und darauf in den USA erreicht ist, werden sie einen Normalisierungsprozess wie in China auch in wirtschaftlichen Hinsicht extrapolieren. Je früher dies der Fall ist, desto stärker werden die positiven Reaktionen an den Finanzmärkten ausfallen. Mit diesem Blick haben die Aktienprognosen in den kommenden drei Monaten auf einen breiten Korridor von 8.500 bis 10.500 DAX-Indexpunkten gelegt. Auf Sechs-Monatssicht erwarten wir 11.000 Punkte und in der Folge auf zwölf Monate mit einer weiteren Erholung der Konjunktur wieder 11.500 Punkte

Wie sollten sich Anleger aktuell verhalten?

Kater: Für Anleger stellt sich die Krise als ein Börsencrash aus heiterem Himmel, aber mit einer nachvollziehbaren Begründung – eben der Coronavirus – dar. Dies sollte auch ein wichtiger Unterschied zu anderen Börsencrashs sein: die Ursache ist identifizierbar und zeitlich begrenzt. Die angemessene Haltung für einen privaten Aktiensparer gegenüber solchen Ereignissen ist eine stoische Besonnenheit. Verluste werden dadurch erst Realität, dass man an solchen Tiefpunkten verkauft. Denn dann hat man nicht mehr die Chance, an der nachfolgenden Erholung der Märkte zu partizipieren, wie sie auch nach diesem Kursrutsch wieder stattfinden wird.

 

Bietet die Krise aktuell für Anleger auch die Möglichkeit in die Aktienmärkte einzusteigen?

Kater: An dieser Stelle zeigen sich auch die Vorteile einer breit gestreuten Wertpapieranlage: wer jetzt in einzelnen Titel investiert ist, muss nun jeweils im Einzelfall sorgfältig abschätzen, ob das betreffende Unternehmen diese Krise überhaupt übersteht und wie schwer Geschäftsmodell oder Bilanz für die Zukunft geschwächt sind. Die breite Investition in den gesamten Aktienmärkt lässt solche Arbeit und Sorgen überflüssig werden: Hier wird die Erholung über kurz oder lang stattfinden. Sollte sich jetzt nicht noch eine dramatische Verschlechterung der Lage einstellen – Reinfektionswelle in China, Banken- oder Staatenkrise – haben die Aktienmärkte die jetzige Rezessionsperspektive in den Kursniveaus verarbeitet. Ob diese Risiken zuschlagen, wird sich in den kommenden ein oder zwei Wochen zeigen, daher ist es auch jetzt nicht die Zeit, mit vollen Segeln in die Investition zu gehen.

 

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