Global gesehen ist jeder klein

eingestellt von Kim-Marcus Jürgensen, Vertriebsmanagement am 27. Juni 2018 um 12:29 Uhr

Deka-Volkswirt Holger Bahr über Isolationismus und drohende Handelskonflikte und den Dax als Gradmesser für die deutsche Wirtschaft.

 

Herr Bahr, Donald Trump verhängt Strafzölle gegen ausländischen Stahl und Aluminium, die Europäer kontern mit Whiskey, Levis- und Harley-Zöllen, die nächsten Schranken drohen nach dem Brexit womöglich mitten in Europa. Ist der Freihandel am Ende?

So krass sehe ich es nicht.

 

Warum?

Weil diese Nadelstiche noch kein wirklich umfassendes Problem darstellen.

 

Aber wenn es erst mal gegen die deutsche Autoindustrie geht …

… gemach. Nationale Befindlichkeiten sind in vielen Staaten wieder wichtiger geworden. Aber jeder hat doch aus den Abschottungen der 1930er Jahre gelernt.

 

Inwiefern?

Dass bei einem wirklichen Handelskrieg jeder verliert. Jede Nation ist global gesehen ein kleines Land. Keiner wird ,Great Again´, wenn er sein Land abschottet. So weit wird es darum niemand kommen lassen, davon bin ich fest überzeugt. Am Ende will jeder Politiker einen Erfolg für die eigene Wirtschaft sehen – und wiedergewählt werden.

 

Trump behauptet immer, dass die USA höhere Zölle zahlen müssten als andere Länder. Stimmt das?

Es stimmt, dass bei Einfuhr nach Europa einige US-Produkte einen höheren Zollsatz erhalten als beim umgekehrten Weg in die USA. Angesichts der Vielzahl an transatlantisch gehandelten Waren ist dies auch nicht verwunderlich und es lassen sich natürlich auch Gegenbeispiele finden. Von einem grundsätzlich protektionistischerem Verhalten der EU gegenüber den USA kann nicht gesprochen werden. Die Zollsätze sind nach mehreren Welthandelsrunden insgesamt stark gesunken.

 

Dennoch: Wenn Abschottungstendenzen zunehmen, schadet das doch der exportorientierten deutschen Wirtschaft – und damit dem Dax.

Belastungen kann es geben. Die deutsche Wirtschaft ist aber gegen Marktschranken etwa in den USA heute besser gefeit als noch vor 30 Jahren.

 

Woran machen Sie das fest?

Erstens: Weil die meisten Unternehmen inzwischen in allen großen Wirtschaftsregionen gleichmäßig stark sind. Und zweitens: Weil viele Konzerne in Ländern wie China oder den USA selbst bedeutende Kapazitäten aufgebaut haben. Diese Produktionsstätten profitieren sogar von der Bevorzugung inländischer Firmen. Die Aktionäre sehen es übrigens ähnlich: Das Gepolter der vergangenen Monate hat die Kurse ja nicht nachhaltig in den Keller geschickt.

 

Schwieriger würde es aber an den Märkten, wenn größere Konflikte drohen.

Sicherlich. Die negativen globalen Auswirkungen haben sich mit dem Platzen der Tech-Blase oder der Finanzkrise gezeigt. Makroökonomische Krisen bringen eben die Anleger dazu, ihr Kapital zu sichern – ganz einfach, weil die Gewinnperspektiven sich verschlechtern.

 

Drohen dann nicht Abwärtsspiralen?

In einer funktionierenden Marktwirtschaft zeigen sich in solchen disruptiven Phasen mit Rezession und Unternehmenspleiten auch Chancen.

 

Welche denn?

Sind die Aussichten für die etablierten Unternehmen mau, werden der Erfahrung nach die ausgetretenen Pfade eher verlassen und Innovationen sowie Strukturwandel drängen in den Vordergrund. Mithin treten neue Unternehmen mit neuen Produkten mit frischen Perspektiven an den Markt. Solche Chancen nutzen kluge Investoren.

 

Indem sie auch breit gestreut in Aktien investieren?

Genau. Ein guter Fondsmanager sorgt für die richtige Mischung. Und wenn der Anleger etwa über einen Sparplan kontinuierlich investiert, sind auch die zyklischen Schwankungen auf lange Sicht kein Problem.

 

Es ist häufiger zu hören, dass aus Anlegersicht die Investition in den Dax ausreiche. Da werde die deutsche Wirtschaft prima abgebildet. Was sagt der Volkswirt dazu?

Dass es so nicht stimmt. Wegen der hohen Marktkapitalisierung der enthaltenen Unternehmen hat der Leitindex schon eine große Bedeutung für die Börse. Aber im Dax sind manche Branchen gar nicht oder weniger präsent. Zudem gibt es auch in der zweiten und dritten Reihe noch reichlich Daniel Düsentriebs mit tollen Ideen.

 

Wie sieht eigentlich auf operativer Ebene die Mitarbeit der Volkswirte im Deka-Fondsmanagement aus?

Die Tiefenbetrachtung der Unternehmen ist sicher immer die finale Entscheidungsgrundlage der Fondsmanager. Strategisch stimmen wir uns aber vierwöchentlich ab, taktisch zweiwöchentlich, um die Rahmenbedingungen festzulegen. Gemeinsam überprüfen wir Investmententscheidungen, zurren sie fest – und handeln.

 

Quelle: fondsmagazin.de

Link: http://s.de/yzm

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